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Systemwechsel kann Leben retten

Obwohl die Widerspruchslösung allein nicht mehr Organspender garantiert, birgt der Wechsel zum Opt-out-Modell unverkennbares Potenzial.

Die Befürworter der Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten» erhoffen sich mehr Spenderorgane, kürzere Wartezeiten und eine geringere Mortalität von Menschen auf der Organwarteliste. Obwohl Nationen, in denen die Widerspruchslösung gilt, eher hohe Spenderaten aufweisen, ist das Opt-out-Modell allein noch kein Garant für mehr Organspenden. Faktoren wie Spitaldichte, Todesursachen, Wirtschaftslage und soziokulturelle Ansichten können die Zahl der Organspenden ebenfalls beeinflussen.

Auch wenn die Widerspruchslösung nicht automatisch mehr Organspenden bedeutet, hat ein Wechsel zum Opt-out-Modell hierzulande grosses Potenzial. Einerseits sorgt die Widerspruchslösung in Kombination mit einem Ja-/Nein-Register für Klarheit über den Willen verstorbener Personen, andererseits besteht für die Betroffenen die Gewissheit, dass der Wille wie festgehalten umgesetzt wird.

Zudem dürften folgende drei Faktoren die Auswirkungen der Widerspruchslösung in der Schweiz verstärken: der Aktionsplan «Mehr Organe für Transplantationen» von Bund und Kantonen; die hohe Zustimmung in der Bevölkerung und Verbesserungspotenzial bei den Angehörigengesprächen.

Verbesserte Spitalstrukturen dank Aktionsplan von Bund und Kantonen

In den vergangenen Jahren hat die Schweiz mit dem Aktionsplan «Mehr Organe für Transplantationen» die nötigen Voraussetzungen für ein starkes Organspendewesen geschaffen. Der Aktionsplan führte in den Spitälern zu verbesserten Prozessen und Strukturen sowie zu Aus- und Weiterbildungen von Fachpersonen. Zudem wurden die zweckgebundene Finanzierung der Fachkräfte und die Information der Öffentlichkeit sichergestellt. Die umgesetzten Massnahmen bieten beste Voraussetzungen dafür, dass sich die Widerspruchslösung positiv auf die Spenderquote auswirken kann.

Hohe Zustimmung in der Bevölkerung

Wie die Spitäler scheint auch die Bevölkerung für einen Systemwechsel bereit zu sein. Repräsentative Meinungsumfragen zeigen, dass sich bis zu 76 Prozent für die Widerspruchslösung aussprechen (gfs.bern, 2019).

Entlastung der Angehörigen

Angehörigengespräche, in denen Fachpersonen gemeinsam mit Hinterbliebenen den Willen verstorbener Personen eruieren, können belastende Situationen darstellen. Insbesondere, wenn der Wille der Verstorbenen wie in vielen Fällen nicht bekannt ist. Entsprechend lehnen Angehörige Organspenden in rund 60 Prozent der Gespräche ab. Mit der Widerspruchslösung dürften Familien bei fehlender Willensäusserung künftig davon ausgehen, dass eine Organspende dem Willen der verstorbenen Person entsprochen hätte. Auf diese Weise könnte das Widerspruchsmodell Entlastung bringen und dazu beitragen, das Problem der hohen Ablehnungsrate in den Angehörigengesprächen zu entschärfen.

Heute belegt die Schweiz mit 18,4 Spendern pro Million Einwohner Platz 20 im europäischen Ranking. Die Widerspruchslösung birgt das Potenzial, die Organspendequote auf den Stand anderer europäischer Länder zu bringen. Eine Chance, die wir zugunsten der Menschen auf der Warteliste nicht ungenutzt lassen sollten.


Kreis J, Immer FF. Systemwechsel kann Leben retten. Competence H+ Hospital Forum (7-8/2020), H+ Die Spitäler der Schweiz, Schweizerische Vereinigung der Spitaldirektorinnen und -direktoren SVS (Hrsg.)

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